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Bodensee - Der Erlebnis-See
Messmers Muße
Zu Besuch in der letzten
kleinen Zigarrenfabrik der Region. Als Karl-Heinz Messmer geboren wurde, gab es in
Deutschland mehr als zweitausend Zigarrenfabriken.
Damals rauchten
viele dicke Männer noch viel dickere Zigarren. Der
"Wohlstand-für-alle-Kanzler" Ludwig Erhard verkörperte nicht nur das deutsche
Nachkriegswirtschaftswunder, sondern war auch die Ikone einer florierenden deutschen
Zigarrenindustrie. Kein EG-Minister warnte damals vor Lungenkrebs und Suchtgefahr.
Trotzdem ging es mit den dicken Dingern bergab. Die deutschen Männer griffen nicht mehr
zur Zigarre. In den achtziger Jahren gab es nur noch 200 heimische
Zigarrenfabriken. Filterzigaretten kamen in Mode, Opas stinkende Stumpen wollte
niemand mehr rauchen.
"Heute gibt es nur noch elf Zigarrenfabriken in Deutschland. In der
Region sind es nur noch zwei: Villiger - die Großen; und wir - die Kleinen," sagt
Karl-Heinz Messmer und raucht. Einen seiner eigenen Zigarillos selbstverständlich.
Gerade ist hier in Watterdingen bei Tengen ein LKW mit zehn Tonnen Tabakblättern im Hof
der Messmerschen Zigarrenfabrik angekommen. Genügend Vorrat für drei Jahre
"Messmer-Zigarren". Drei Männer verladen die Kühlschrank großen, zwei Zentner
schweren Tabakballen. Ohne Eile, mit einem Stumpen im Mundwinkel. Auch der Chef hat Muße
für einen Zigarillo. Oder zwei.
In den neunziger Jahren waren Zigarren plötzlich wieder in aller Munde: Die
Lifestyle-Generation hatte die Zigarre entdeckt. Aber nicht die Fabrikate traditioneller
deutscher Herstellung, sondern schicke, teure kubanische Marken mit exotischen Namen wie
"Cohiba" oder "Montechristo". Gutgefönte Fußballmanager und
größenwahnsinnige Nachwuchsschauspieler strecken die dampfenden Statussymbole ungeniert
in die TV-Kameras. Der aktuelle Kanzler raucht sie auch.
In Messmers kleiner Fabrikhalle werden jährlich zehn Millionen Zigarillos und Zigarren
gerollt. Vierzig Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen waschen und befeuchten edle
Tabakblätter aus Sumatara, Java und Brasilien. Die mittlere Blattrippe entfernt eine
Maschine und zerteilt linke und rechte Blatthälften. "Hier darf nichts durcheinander
geraten", sagt Karl-Heinz Messmer, "aber ich muß jetzt ins Tabaklager, damit
beim Abladen nichts durcheinander kommt. Den Rest erklärt Ihnen mein Vater..."
"Seit sechzig Jahren beschäftige ich mich mit Tabak. Und ich habe es immer noch
nicht satt", lächelt Seniorchef Walter Messmer, in der Hand natürlich einen
Zigarillo. Dann erklärt uns der rüstige 77jährige, wie eine Messmer-Zigarre entsteht.
Zuerst wird ein eigens hergestellter, süßlich duftender Pfeifentabak für die Füllung
verwendet. Aromatischen Pfeifentabak in einen Zigarrentabak-Mantel zu füllen, das war
1986 Messmers neuartige Idee gewesen auf der Suche nach einer Marktlücke. Aus der
Marktlücke wurde das Erfolgsgeheimnis des kleinen Familienbetriebes.
Die Maschine füllt den Pfeifentabak in ein gestanztes Stück Tabakblatt (sog.
"Umblatt") und wird in Form gerollt. Die halbfertige Zigarre kommt in eine
andere Maschine, wo Akkordarbeiterinnen möglichst viele der außen liegenden Deckblätter
ausstanzen. Eine Nadel in der Maschine greift das Deckblatt und wickelt sie um die
halbfertige Zigarre - fertig. Alle Messmer-Zigarren werden ausschließlich aus echtem
Tabak hergestellt. Bei vielen Herstellern ist das anders: Um billiger produzieren zu
können, wird statt echten Blättern auch eine Art braunes "Tabakpapier" aus
Tabakstaub, Zellulose und Leim verwendet. In Messmers Zigarren kommen nur echte, zerlegte
Tabakblätter. "In der einen Maschine werden nur rechte Blatthälfte verwendet. Eine
andere verarbeitet ausschließlich linke Hälften. Man kann die Blätter nur in
Wuchsrichtung rollen. Sonst gehen sie wieder auf," lächelt Messmer Senior und zieht
genüsslich am Zigarillo.
TABAK / Mehr als die Haelfte der Inlandsproduktion
stammt aus der Region.
Zigarrenkiste Deutschlands seit Anno Tobak.
Ludwig Erhard war ein Segen fuer die Branche. Keine Karikatur, kaum ein Photo,
auf dem der Vater des Wirtschaftswunders damals nicht mit qualmender Zigarre
abgebildet wurde. Sie war sein Markenzeichen, avancierte zum Statussymbol der
Unternehmer im Wiederaufbau. Ostwestfalen-Lippe, seit Anno Tobak die
Zigarrenkiste Deutschlands, profitierte davon.
Allein in Ostwestfalen produzierten 1955 laut Betriebsstatistik etwa 125
Zigarrenfabriken (jeweils ueber zehn Beschaeftigte) mit etwa 12400 festen
Mitarbeitern, hinzu kamen schaetzungsweise 10000 bis 20000 Heimarbeiter. Ihren
Hoehepunkt erlebte die Branche aber vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges: 1939
bestanden im Regierungsbezirk Detmold 525 Zigarrenunternehmen mit etwa 27800
Vollarbeitskraeften.
Heute wird die Zigarrenindustrie nicht einmal mehr in der Jahresstatistik der
beiden Industrie- und Handelskammern in Bielefeld und Detmold erwaehnt. Kein
Wunder, denn das Geschaeft mit dem blauen Dunst ist rapide geschrumpft: In der
Region gibt es lediglich noch knapp ein Dutzend Hersteller mit annaehernd 2000
Beschaeftigten, die allerdings das Gros der in Deutschland hergestellten
Zigarren und Zigarillos in den Hauptstandorten Buende und Luebbecke
fabrizieren.
Dort sind zugleich die Marktfuehrer ansaessig: Die Ebas/Andre-Gruppe (Buende)
und die Burger/Dannemann-Gruppe (Luebbecke). Beide Anbieter vereinen -Importe
inbegriffen- jeweils etwa 40% des deutschen Marktes auf sich und spielen auch
im europaeischen Zigarren-Konzert eine wichtige Rolle. Die Schweizer
Burger-Gruppe baute ihre Position in den vergangenen Jahren durch Uebernahme
der Zigarrenhersteller Dannemann, Schwering & Hasse (Luegde), Ritmeester
(Niederlande), Rinn & Cloos (Heuchelheim) sowie juengst Haas & Derst
(Lampertheim) aus.
Auch wenn fuer die uebrigen knapp 30 kleineren deutschen Zigarrenhersteller
und -importeure nur etwa 20% Marktanteil uebrig bleiben, so haben diese doch
Gewicht im guten Fachhandel. Denn die kleineren Hersteller betreiben mit ihren
hochwertigen Spezialsortimenten oft eine recht erfolgreiche Nischenpolitik.
Als Beispiele seien die Ostwestfalen August Schuster Cigarrenfabrik und
H.Woermann GmbH (beide Buende) genannt.
Der grosse Schrumpfungsprozess der Branche begann 1957, als das noch aus dem
Jahr 1934 stammende Maschinenverbot aufgehoben wurde. Die bis dato durch reine
Handarbeit gepraegte Zigarrenindustrie erlebte in den Folgejahren eine
stuermische Rationalisierungswelle, in deren Sog eine Vielzahl von Firmen
aufgab. Obwohl die verbliebenen Hersteller in den 80er Jahren vom klassischen
Zigarren-Knueppel zunehmend Abstand nahmen und sich verstaerkt auf schlanke
Zigarillos verlegten, konnte die Branche nie ganz ihr Opa-Image abstreifen.
Wenig bekannt: Das Zigarillo, heute ein Stabilisator der Branche, stammt aus
Ostwestfalen. Mit der Firma Theodor Heinecke & Cie., Westfaelische
Cigarillos-Fabriken, wurde 1871 in Kirchlengern die erste Spezialfabrik fuer
Zigarillos gegruendet. Das Unternehmen ist allerdings -wie viele andere der
Branche- laengst erloschen.
Zuversichtlich stimmt, dass weltweit ein Trend zur guten Zigarre spuerbar ist.
Diese Tendenz zeichnete sich schon 1993 ab. Weniger Masse, aber mehr Klasse -
damit koennen gerade Ostwestfalens qualitaetsbewusste Zigarrenhersteller wohl
(ueber-)leben.
Alle Rechte vorbehalten. (c) Velagsgruppe Handelsblatt
GmbH
Querschnitt 26.01.2002
Rauchzeichen aus dem Hegau
Ein Familienbetrieb im Südbadischen ist einer der wenigen deutschen Zigarrenhersteller
Im Dörfchen Watterdingen, nahe dem südbadischen Tengen im Hegau (Kreis Konstanz),
scheint die Welt noch in Ordnung. Die wenigen Landwirte gehen ihrer Arbeit in den Ställen
nach. An der Straßenkreuzung treffen sich die Frauen zum morgendlichen Plausch. Und im
stolzen Gasthaus Zum Adler, zu dem einst auch eine Bierbrauerei gehörte, gibt es heute
statt Stammtischdebatten aromatische Genüsse. Hier hält Walter Messmer (76), der
Seniorchef der Kruse-Messmer Cigarrenmanufaktur, die seit den 20er und 30er Jahren des
vergangenen Jahrhunderts in diesem Landstrich intensiv gepflegte Tradition der Stumpen-
und Zigarrenherstellung aufrecht.
Kautz in Engen, König in Leipferdingen oder Blauband im Tengener Ortsteils Watterdingen
waren lange Zeit die großen Namen in Sachen blauem Dunst aus dem Hegau. Im Winter
wickelten und rollten Frauen die Stumpen. Im Sommer arbeiteten sie in der heimischen
Landwirtschaft.
Früher war die Zigarrenproduktion reine Handarbeit. Es habe damals sogar ein gesetzliches
Maschinenverbot gegeben, erzählt Juniorchef Karl-Heinz Messmer (48). In Deutschland
gab es 2000 Herstellungsbetriebe. Heute ist diese Zahl auf elf Produzenten
geschrumpft.
Messmer ist einer davon - und ist nicht zuletzt im Rathaus von Tengen hoch geschätzt.
Wann immer es dort etwas zu feiern gibt, zieht Bürgermeister Helmut Groß eine Zigarre
vom Messmer aus der Tasche.
Walter Messmer hat die dramatische Konzentration in der Branche zu Beginn der 60er Jahre
als Chance angesehen. Als ehemaliger Betriebsleiter von Blauband in Watterdingen übernahm
der gelernte Zigarrenmacher 1964 die schon 1842 gegründete Firma Kruse-Cigarren. Von 1965
bis 1969 wurde noch in Hugstetten bei Freiburg im Breisgau produziert. 1969 hat sich der
bodenständige Unternehmer in Watterdingen niedergelassen.
Auch sein Sohn Karl-Heinz lernte das Handwerk von der Pike auf und studierte anschließend
Volkswirtschaft. "1986 kreierten wir dann ein völlig neues Produkt, mit dem wir vom
angestaubten Stumpen- und Opa-Image, das unserer Branche so zu schaffen machte, weg
wollten", sagt der Juniorchef. Zigarren waren zu dieser Zeit fast aus der Mode
gekommen. Neue Zielgruppen mussten erschlossen werden. Mit einer aromatischen
Spezialkomposition aus Zigarren- und Pfeifentabaken setzte Messmer "völlig neue
Akzente". Ein milderer und weicherer Rauchgenuss wurde geboren. Und der fand schnell
neue Freunde. Die Messmer Cigarrenmanufaktur entwickelte und fertigte von nun an
MC-Special-Cigarillos und -Cigarren.
Dieses Produkt wird inzwischen von anderen Herstellern ebenfalls angeboten. Ausgewiesene
Genießer schwören jedoch auf die aromatisierten Zigarillos und Zigarren aus dem Hegau,
die zu 100 Prozent aus Tabak bestehen. Bei der heutigen Massenherstellung würden nicht
selten auch Bandtabake aus Zellulose und Tabakstaub (Tabakfolie) verwendet, was den
Rauchgenuss erheblich schmälere, sagt Karl-Heinz Messmer. Er setze kompromisslos auf
Qualität.
Im klimatisierten Rohtabaklager warten Spezialitäten aus Indonesien (Sumatra oder Java)
und Brasilien auf die Verarbeitung: edle Deckblätter, Umblätter und Einlagen. An anderer
Stelle des Betriebes, einem abgeschlossenen Bereich, werden Tabakmischungen vorbereitet
und immer wieder getestet. Dabei sind die Formate der verschiedenen Preisklassen für
Zigarren und Zigarillos durchaus verbraucherfreundlich: Sie reichen von 0,41 bis 1,79 Euro
pro Stück. "Wir wollen das maßvolle und bewusste Genussrauchen, wie es Zigarren-
und Zigarillo-Liebhaber pflegen, unterstützen", sagt Karl-Heinz Messmer. Einen
weiteren Aufschwung nahm das Unternehmen mit derzeit 40 Beschäftigten vor knapp zehn
Jahren mit der Renaissance der Zigarre - damals machte der legendäre Zino Davidoff das
genussvolle Rauchen wieder hoffähig.
Stolz sind die Messmers auch auf ihren modernen, elektronisch gesteuerten Maschinenpark.
Wenn Probleme an den kostspieligen Aggregaten auftauchen, legt hin und wieder der
Seniorchef selbst Hand an. In ihrer Manufaktur suchen die beiden Messmers ständig nach
immer besseren Lösungen. Ein Zeugnis davon sind auch die selbst gestalteten
Zigarrenkistchen, die in der eigenen Kistenmacherei gefertigt werden. Dass auch Marketing
oder Werbung hausgemacht sind, ist in dem Familienunternehmen selbstverständlich. Damit
die bundesweit 2000 belieferten Kunden, überwiegend Tabakwarenfachgeschäfte und der
Fachgroßhandel, auch weiter den blauen Dunst aus dem Hegau schätzen.
Kreis Gießen 27.09.2004 Tabak brachte einst Lohn und Brot für Tausende
"Alles blauer Dunst?! - Zigarrenindustrie im Gießener
Raum" - Ausstellung an historischer Stätte in der Brandsburg in Alten-Buseck
eröffnet
BUSECK (as). "Alles blauer Dunst?! - Zigarrenindustrie im
Gießener Raum." Unter diesem Namen wurde am Samstag in der Alten-Busecker Brandsburg
eine Ausstellung über die Zigarrenherstellung eröffnet. Sie ist "auf historischem
Boden" zu sehen, bemerkte bei der Eröffnung Bürgermeister Erhard Reinl. Die
Ausstellung findet im ehemaligen Fabrikgebäude der Brandsburg statt, "das hier als
Zigarrenfabrik bestens bekannt ist".
Natürlich nicht nur in Alten-Buseck wurden einst Zigarren hergestellt. Öffnet man den
Ausstellungskatalog, der vom Oberhessischen Geschichtsverein herausgegeben wurde, so
findet man dort einige Bilder der Fabriken und Fabrikräume oder der früheren
Belegschaften aus Heuchelheim, Großen-Buseck, Daubringen, Rodheim, Waldgirmes,
Reiskirchen, Londorf, Garbenteich und natürlich Gießen. Kreisarchivarin Sabine Raßner
sagte, die Zigarrenfabrikation sei ein ganz wichtiger Wirtschaftsfaktor im Raum Gießen
bis tief in das 20. Jahrhundert hinein gewesen. 1850 hatten noch rund 200 Arbeiter in
der Zigarrenindustrie gearbeitet. "Nur neun Jahre später waren es schon etwa 1500,
und während des Höhepunktes der Fabrikation in den 30er Jahren sollen mehrere tausend
Menschen in dieser Branche gearbeitet haben", sagte Raßner.
Zahlreiche Hersteller wie Emmelius, Noll, Gail, Frey, Rinn & Cloos, Georgi, Klingspor,
Schirmer, Ackermann, Haubach, Formhals oder Henkel sind in der Region Gießen präsent
gewesen. Dabei habe es größere und kleinere Betriebe gegeben, wovon sich manche besser
am Markt behaupten konnten, "so dass es im Laufe der Jahre viele geschäftliche
Erfolge aber auch Pleiten oder Fusionen gab". Die Gründung der ersten
Rauchtabakfabrik in Hessen sei ziemlich zufällig im Jahr 1812 zustande gekommen.
"Als auf Druck Napoleons in dem Großherzogtum Berg, zu dem auch Dillenburg gehörte,
das staatliche Monopol auf Tabak eingeführt wurde und die Tabakvorräte des Kaufmanns
Georg Philipp Gail beschlagnahmt wurden, fing er einen Rohtabaktransport ab, der für
seine Dillenburger Tabakfabrikation bestimmt war, und lenkte ihn nach Gießen um, denn
Gießen lag im Großherzogtum Hessen und das war monopolfrei", berichtete Raßner.
Erst als die Popularität der Zigarre abnahm und die Zigarette ihren Siegeszug begann,
verschwand nach und nach "einst florierende Zigarrenfabrikation aus der Region
Gießen". Das Gießener Adressbuch nennt 1913 noch 25 Fabrikationsstätten, 1954
seien es nur noch acht, 1968 lediglich drei Fabriken gewesen.
Bezeichnend ist, dass die Ausstellung am "Tag der Archive" eröffnet wurde, denn
es waren die Archivare, die sie vorbereiteten. Beteiligt waren dabei neben dem Kreisarchiv
die Archive Biebertal, Buseck, Freienseen, Heuchelheim, Hüttenberg, Langgöns, Laubach,
Linden, Pohlheim, Rabenau, Reiskirchen und Staufenberg. Das Material, das auf 19
Schautafeln präsentiert wird, stammt auch zum großen Teil aus den Archiven. Es sind aber
auch viele Materialien aus Privatbesitz zur Verfügung gestellt worden.
"Alles blauer Dunst?! - Zigarrenindustrie im Gießener Raum" ist bis zum
9.Oktober montags bis mittwochs sowie freitags und samstags von 15 bis 17 Uhr, donnerstags
von 15 bis 20 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.
Anfang 1930 gewann die Tabakindustrie im Hegau zunehmend an Bedeutung. In Watterdingen
fand die Firma "Weber Stumpen" einen geeigneten Standort - nur nicht all zu
lang. Danach wurde daraus eine Filiale von "Kautz & Kompany", welche ihren
Hauptsitz in Engen hatte (im heutigen Noch- Schiesser-Gebäude). Weitere Filialen hatte
das Unternehmen in Welschingen, Emmingen, Liptingen, Eigeltingen und in Tengen. Nach
dieser Ära hieß die Tabakindustrie im Hegau "Gustav König" mit Sitz in
Leipferdingen.
1948 entstand das bekannte "Blauband" mit Hauptsitz in Watterdingen. Das
Unternehmen hatte Filialen in Tengen, Binningen, Riedöschingen, Riedböhringen,
Geisingen, Leipferdingen und später im gesamten Bundesgebiet und beschäftigte über 600
Arbeitskräfte. Der Betrieb wurde 1976 geschlossen. Damals wurden die Zigarren und Stumpen
noch komplett durch Handarbeit hergestellt. Die Tabak-Blätter mussten zugeschnitten und
gewickelt werden. Das Trocknen dauerte ohne Trockenmaschinen entsprechend länger. So kam
es dazu, dass im Winter produziert und im Sommer verkauft wurde.
Die Tabakindustrie beschäftigte zum Großteil Frauen und Heimarbeiter aus der
Landwirtschaft. Das war für viele eine geeignete Winter-Tätigkeit. Deswegen siedelte
sich die Tabakindustrie bevorzugt im ländlichen Raum an. 1950 kamen die ersten Maschinen
auf den Markt. Arbeitsplätze konnten so eingespart werden. Doch wurde der Einsatz von
Maschinen nur ungern gesehen. Die Unternehmen mussten sich den Betrieb der Maschinen vom
Landratsamt genehmigen lassen. Die Genehmigung bekamen sie nur, wenn auszuschließen war,
dass Personal deswegen abgebaut wurde. Ende der 50er Jahre knickte der Wirtschaftszweig
der Tabakindustrie nach unten. Die Leute fingen an, Geschmack an der Zigarette zu finden.
Der harte Preiskampf verschlechterte zudem die Qualität der produzierten Zigarren und
Stumpen. Die Nachfrage nahm ab - das hieß für viele Hersteller das Aus. 1950 waren im
gesamten Bundesgebiet noch 2000 Hersteller tätig. 1970 überlebten den harten Kampf im
Wettbewerb nur knapp 100. Heute sieht die Welt ganz anders aus: Zehn Tabakhersteller
(genau genommen Zigarrenhersteller) haben in Deutschland überlebt. Davon sind drei
Großkonzerne. Der viertgrößte Tabak-Betrieb ist in Watterdingen: die Firma "Georg
Otto Kruse GmbH" unter der Leitung von Walter und Karl-Heinz Messmer.
Die Produktionsstätte wurde Ende der sechziger Jahre von Vater und Sohn gegründet. Heute
beschäftigt das Unternehmen 35 bis 40 Arbeitskräfte: "Früher hat die ältere
Generation die dicken Zigarren geraucht. Heute hingegen sind schlanke Modelle gefragt, die
von jedem Alter konsumiert werden. Die Stumpen haben durch die Filmindustrie einen etwas
schlechten Ruf abbekommen, da sie meist nur von Ganoven und Gangstern in den Filmen
geraucht werden. Wir stellen uns natürlich auf die Nachfrage ein. Das einst mal so
trächtige Weihnachtsgeschäft gibt es in der einst gewohnten Art auch nicht mehr. Die
gesamte Branche hat schwere Rückschläge erlitten. Auch der Zoll und das Finanzamt langen
kräftig zu, wenn es um die Steuern und Zölle geht. Was einst ein Lehrberuf gewesen ist,
ist ausgestorben", so Karl-Heinz Messmer der Junior-Chef.
Rohstoff-Vorrat ist in der Branche lebenswichtig. Ist eine Ernte einmal schlecht
ausgefallen, wird der Hersteller sehr schnell vom Lieferanten im Regen stehen gelassen und
kann die entsprechende Sorte mit der individuellen Mischung nicht mehr produzieren. Auch
können die Preise der Lieferanten plötzlich ansteigen. "Wir können etwa fünf
Jahre produzieren ohne einzukaufen", erklärte Messmer. "So kommt es so gut wie
nie vor, dass die Produktion still steht. Lagerhaltung ist das A und O."
Passauer Neue Presse vom 03.12.2004
Heimatwirtschaft
Perlesreut - "Klein Havanna" im Bayerwald
Einzige Zigarrenfabrik Bayerns - Sechs Frauen produzieren jährlich rund eine halbe
Million Zigarren und Zigarillos
Ingo Schubart und Norbert Peter
Perlesreut. Es riecht ein wenig rauchig und zugleich leicht süßlich. Wir befinden uns
in der einzigen Zigarrenfabrik Bayerns - bei der Firma Wolf & Ruhland in dem kleinen
Markt Perlesreut (Landkreis Freyung-Grafenau). Rund 500 000 Zigarren und Zigarillos werden
hier im Jahr von sechs Mitarbeiterinnen produziert.
"An den Tischen sitzen in langen Reihen die gleichheitlich und sauber gewandeten
Zigarrendreherinnen." Diese Worte schrieb kein anderer als der berühmte
Heimatdichter Max Peinkofer 1931 für die Donau-Zeitung. Idyllisch soll die Atmosphäre
gewesen sein: "Ein ausgezeichneter Lautsprecher überträgt Musik von Rundfunk oder
Grammophon in die Arbeitsräume."
Was bei anderen Firmen undenkbar wäre; bei Wolf & Ruhland gibt es diese Idylle noch
in vielen Bereichen. Im Inneren des Firmen-Anwesens rollen sechs Frauen im warmen Licht
alter Emaillampen auf Arbeitstischen, auf denen die Jahrzehnte deutliche Spuren
hinterlassen haben, bayerische Stammtisch-Klassiker: 21 Zentimeter lange
Bayerwald-Virginias, Hausmarke "Edelweiß".
Rosa Pauli schneidet ein dunkles Deckblatt aus Kentucky-Tabak zu und wickelt es um eine
Zigarre. Zuvor wurden die Rohtabake aus der wohltemperierten Lagerung genommen, wobei
jeweils fünf Blätter zusammengebündet sind. Nach dem Wässern der Blätter erfolgte
eine "Halbtrocknung." Anschließend wurden die Blätter entrippt und
schließlich gerollt. Und jetzt gibt Rosa Pauli der Zigarre mit dem mit Weizenstärke
angefeuchteten Deckblatt den letzten Schliff. Dabei unterhält sie sich mit ihrer Kollegin
über Kochrezepte und trinkt nebenbei ihren Kaffee. Dennoch kommen bis zu 140 Zigarren in
der Stunde zusammen - die Frauen sind eben Meister ihres Faches. Die 49-Jährige ist aber
auch schon seit 25 Jahren "dabei", und die Arbeit macht ihr immer noch Spaß:
"Man kommt von zu Hause raus und das Zubrot kann man gut gebrauchen."
Während die Frauen 13 unterschiedliche Sorten von Zigarren füllen, wickeln und zum
Trocknen bereitlegen, kümmert sich Firmenchef Hermann Hilz, der das Unternehmen in der
dritten Generation führt, darum, dass die Tabakmischung stimmt. Verwendet wird vor allem
dunkler Kentucky-Tabak, der verantwortlich ist für das Aroma in der kleinen Werkstatt im
Hinterhof des Perlesreuter Marktplatzes. Der Kentucky-Tabak kommt direkt aus Amerika.
Daneben werden der süßlich riechende Virginia-Tabak verarbeitet sowie brasilianische und
indonesische Rohware, die Hilz an der Tabakbörse in Bremen einkauft. "Von deutschem
Tabak lassen wir die Hände, er ist qualitativ geringwertig, eignet sich eher für
Zigaretten", erklärt Hilz. Der Firmen-Chef ist stolz, der einzige Zigarrenhersteller
in Bayern zu sein. Zum Vergleich, so gibt der 63-Jährige an, habe es nach dem
Krieg in ganz Deutschland noch 2600 Zigarrenhersteller gegeben.
Perlesreut war dabei seit 1870 eine Hochburg der Tabakherstellung. Anton Bogenstätter
stellte den berühmten "Perlesreuter Schmalzler" her, bis die Produktion 1917
eingestellt wurde. Die Perlesreuter Tabaktradition war dennoch nicht zu Ende, denn im
selben Jahr gründete Hermann Wolf eine "Tabkakmanufaktur". Schon bald
beschäftigte das Unternehmen über 200 Mitarbeiter - fast alles Frauen aus der Umgebung.
Doch im Laufe der Jahrzehnte verlor die Tabakherstellung an Bedeutung. Die Firma Wolf hat
aber zumindest überlebt.
Aber die Konkurrenz sitzt Hermann Hilz im Nacken. Über 1500 Importeure hat er
gezählt, die sich auf dem deutschen Markt tummeln. Aber auch Nischenprodukte,
wie aromatisierte Zigarillos, die von der deutschen Zigarettenindustrie vertrieben werden,
machen ihm zu schaffen.
Dennoch hat er rund 1000 Kunden. Er produziert zum Teil unter Lizenz für den Großhandel,
unter eigenem Namen für Tabakfachgeschäfte die Gastronomie und Privatkunden. Preislich
seien seien Produkte "absolut konkurrenzfähig", sagt er und rechnet vor: Für
ein Edelweiß-Kiel-Zigarillo zahlt man 35 Cent, für eine Wolf & Ruhland Brasil
Panatela 1,30 Euro.
Über die Zukunft seiner kleinen Fabrik will Hilz noch nicht so richtig nachdenken.
"Besser wird das Geschäft nicht", sagt er. Trotzdem hofft er, dass eine seiner
drei Töchter in seine Fußstapfen treten wird.
Fährt man durch die ostwestfälische Stadt Bünde, fallen einem im Ortskern
etliche sehr repräsentative Villen inmitten parkartiger Gärten auf. Ungewöhnlich für
so eine eher kleine Stadt.
Hier wohnten in früheren
Zeiten wohlhabende Fabrikantenfamilien, denn Bünde war einmal das deutsche Zentrum für
Cigarren, und damit liess sich trefflich Geld verdienen. Die Zeiten haben sich geändert,
zwar nennt sich Bünde immer noch "Zigarrenstadt", aber produziert wird im alten
Stadtgebiet nur noch in einer einzigen, im Familienbesitz befindlichen Fabrik: bei August
Schuster Cigarren in der Blumenstrasse. Der andere verbliebene Hersteller, Arnold Andre,
hat in Bünde nurmehr die Verwaltung belassen.
Geführt wird die
Cigarrenfabrik heute von Manfred und Philipp Schuster, und die kommende Generation ist
schon durch Manfreds Sohn Oliver vertreten (manchen Zigarrenweltlesern aus unserem
Montags-Chat bekannt). Am Detail erkennt man, dass die Uhren in manchem etwas anders gehen
als es den Zeitläuften entsprechen mag: so findet man zum Beispiel im Bündener
Telefonbuch anstatt der Fabrik den Namens-Eintrag "August Schuster", dazu eine
4(!)-stellige Telefonummer, die sicher aus der Zeit stammt, als es noch Kabelämter gab.
Seit der Firmengründung im
Jahre 1909 werden bei August Schuster Cigarren produziert, und auch durch schwere Zeiten
und den Stukturwandel hindurch hat man den Betrieb gerettet. Heute wird ein grosser Teil
der Cigarren, die von renommierten Händlern in Deutschland als ihre Eigenmarken angeboten
werden, hier produziert. Überwiegend maschinell zwar, aber auch in diesen Cigarren steckt
noch erstaunlich viel Handarbeit. Das Gleiche gilt auch für Schusters renommierte
Hausmarken Lepanto, Partageno y Cia und C. Mendoza, die den Liebhabern qualitativ
hochwertiger Cigarren aus 100 % Tabak seit langem ein Begriff sind.
Ein Blick ins Rohtabaklager
Bei Schuster finden alle Produktionsschritte, vom Einlagern des Rohtabaks über das Rollen
der Cigarren bis zum Versand der fertigen Kisten, im Hause statt. Ein Blick in das
wunderbar duftende Tabaklager zeigt, dass eine immense Menge Tabak vorrätig gehalten
wird, damit die Produktion jederzeit gewährleistet ist.
Die Tabake kommen aus den
wichtigsten Anbaugebieten, aus Cuba, aus der Dominikanischen Republik, aus Brasilien, aus
Java und Sumatra. Die cubanischen Tabakballen lassen sich im Lager leicht ausmachen, sind
sie doch im Gegensatz zum Tabak aus den anderen Ländern in Palmblätter eingepackt.
Gekauft wird der Tabak von Schusters in den Herkunftsländern direkt, sowie in Bremen, dem
Einfuhrhafen für Tabak. Dass Bünde im 19. Jahrhundert zur Tabakstadt wurde hängt auch
mit den günstigen Verkehrsverbindungen nach Bremen zusammen. Zusätzlich machte sich der
Bau der Eisenbahnlinie Löhne-Osnabrück positiv bemerkbar, mit der Bahn konnte so der
Tabak direkt aus den Niederlanden, damals Kolonialmacht in Indonesien, nach Bünde
transportiert werden.
Die Ballen links enthalten
cubanischen Rohtabak
Wenn es auch zahlreiche Farbriken gab, wurde doch die überwiegende Anzahl der Cigarren
früher in Heimarbeit gerollt. Die Fabriken verteilten alle paar Wochen an alle
Heimarbeiter den Rohtabak und holten später die fertig gerollten Cigarren wieder ab.
Diese wurden dann in den Stammhäusern verpackt und versandfertig gemacht. Mehr als 10.000
Menschen arbeiteten zur Blütezeit in der Bündener Cigarrenindustrie. 1935
hatte Bünde 258 Cigarrenfabriken! Die Stadt wurde überaus wohlhabend und
zählte bereits 1914 ein gutes Dutzend Millionäre. Und die bauten sich die Villen, die
man heute noch im Stadtbild entdeckt. Von den Fabriken hingegen sind nur wenige stehen
geblieben, sie dienen heute anderen Zwecken, z. B. als Wohnhäuser.
Wenn heute Manfred und Oliver
Schuster morgens in ihre Fabrik, die letzte noch produzierende in der Stadt, gehen,
durchqueren sie von der Schuster'schen Villa aus ein paar Meter einen schön verwilderten
Garten und schon sind sie da. Das ganze Gelände liegt mitten im Bündener Wohnbereich,
was das Produzieren nicht immer konfliktfrei und nur durch Einhaltung strenger,
kostenintensiver Auflagen möglich macht. Insbesondere gegen Lärm- und Geruchsemissionen
mussten teure Massnahmen unternommen werden.
Einige handgerollte Cigarren
Sicher am leisesten geht es an einem versteckt liegenden Arbeitsplatz zu, an dem in
winziger Stückzahl noch einige rein handgemachte Cigarren gerollt werden, eine Kunst, die
in absehbarer Zeit hier nicht mehr praktiziert werden wird. Die Kunst, Cigarren von Hand
zu rollen, beherrschen nur noch ganz wenige Menschen in Deutschland. Übrigens hat der
Hamburger Cigarrenhändler Stefan Appel, der in seinem Geschäft monatlich etwa 400
Cigarren händisch rollt, seine Kenntnisse darüber bei Schusters erworben.
Nach dem Rollen des Wickels
werden die Cigarrenrohlinge in eine Presse gesteckt, wo sie ihre gleichmässige Form
bekommen. Heute sind die Cigarren-Holzformen gesuchte Sammlerstücke, seinerzeit, als man
von der handgefertigten Produktion Abschied nahm, wurden, wie Manfred Schuster erzählt,
damit die Öfen befeuert. Was anders hätte man auch damals damit anfangen sollen? An eine
erneute Verwendung war nicht mehr zu denken, die handgefertigte Cigarre aus Deutschland
war nicht mehr konkurrenzfähig, zudem die Raucher mit den Maschinenprodukten durchaus
zufrieden waren.
Ein Blick in die Schreinerei
Rund 40 Leute arbeiten heute in der Cigarrenfabrik August Schuster. Es gibt Maschinen zu
bedienen, zu warten und zu reparieren, es werden die Cigarren mit einem nicht geringen
händischen Anteil produziert, es werden die Kisten in der hauseigenen Schreinerei
fabriziert und es wird verpackt und versendet. Wer die hübschen Kisten von Schuster
kennt, der staunt, wie in der recht kleinen und einfach ausgestatteten Schreinerei das
alles produziert werden kann.
Im Auslieferungslager
schliesslich entdeckt man die Marken, die Schusters guten Ruf in der Tabakwelt begründen,
und neben den genannten Hausmarken hat Schuster neue Cigarren kreiiert bzw. auf den Markt
gebracht, zu nennen ist da vor allem die hochgelobte Regalia Fina, deren Longfillerformate
aus Brasilien kommen (die kleineren Formate werden maschinell in Bünde gefertigt) und
deren Mischung von Philipp Schuster entwickelt wurde. Ebenfalls findet man auf vielen
fertigen Kisten Namen bekannter deutscher Cigarrenhändler, die hier ihre Brasil- odere
Sumatrahausmarken produzieren lassen und für diese Cigarren eine treue Stammkundschaft
haben.
Noch etwas interessantes habe
ich an vielen Stellen in der Fabrik entdeckt: eine merkwürdige Pappdose, auf der das Wort
"Lasiotrap" steht. Lasio...? Da klingelt doch etwas! Heißt der berüchtigte
Tabakkäfer nicht Lasioderma? Richtig. Lasiotrap ist tatsächlich eine Falle für den
Tabakkäfer, genauer gesagt, es dient als Nachweis für einen Befall durch den Schädling,
mittels eines Sexualduftstoffes wird er angelockt und tappt in die Falle. Würde der
Tabakkäfer nachgewiesen müssten entsprechende Massnahmen ergriffen werden, zum Beispiel
das Einfrieren des Rohtabaks. Bevor er im Tabaklager oder in den fertigen Cigarren Unheil
anrichten kann. Denn das könnte er wirklich...
Ein wenig erinnert die
Cigarrenfabrik August Schuster an manchen Stellen eher an ein Museum als an ein
produzierendes Werk, und wird man an einem Samstagnachmittag durch alle dann stillen
Etagen geführt, sieht man immer wieder Zeugen vergangener Zeiten, alte Maschinen zum
Beispiel, oder unter dem Dach die nach Norden ausgerichteten hohen Fenster, hinter denen
bis heute an langen Tischen Arbeiter und Arbeiterinnen die Cigarren bei neutralem Licht
nach Deckblattfarbe sortieren. Und der Aufzug ist nichts für ängstliche Gemüter :-).
Stolz ist man bei Schusters
darauf, dass man hier ausschliesslich Cigarren und Cigarillos aus 100 % Tabak produziert,
das heißt, es wird kein Bandtabak verarbeitet (Bandtabak = Kunsttabak aus Tabak- und
Zelluloseresten, wird insbesondere für billige Cigarren und Cigarillos verwendet,
erkennbar an der fehlenden Packungsgaufschrift "100 % Tabak").
Das Steuerzeichenamt in
Bünde
Aus Bünde kommen bis heute die Steuerbanderolen für alle nach Deutschland eingeführten
Tabakwaren, das Steuerzeichenamt liegt nicht weit vom Bahnhof der Stadt, eben so wie der
frühere Tabakspeicher, in dem die angelieferten Ballen zunächst gelagert wurden, bevor
sie an die einzelnen Fabriken weiter geleitet wurden.
Der alte Tabakspeicher in
Bünde
Übrigens besitzt die Stadt
zur Erinnerung an ihre Vergangenheit als Tabakmetropole im Ortskern ein sehenswertes
Tabakmuseum, das in einem alten Fachwerkhaus eingerichtet ist. Hier kann sich der
Interessierte über alle Aspekte der Cigarrenindustrie informieren. Zu sehen gibt es auch
ein originalgetreu rekonstruiertes Cigarrenmacherzimmer, das eindrucksvoll zeigt, wie
früher in Heimarbeit die Cigarren gerollt wurden. Übrigens war das für die Arbeiter
keineswegs die einzige Verdienstquelle: tagsüber ging man einer anderen Tätigkeit nach,
sei es auf dem eigenen kleinen Hof oder im Dienst eines Grossbauern. Erst abends setzte
man sich dann hin und rollte die Cigarren, bei ausreichender Geschicklichkeit bis zu 1.500
in der Woche. Eine Maschine bei Schuster hingegen schafft pro Tag bis zu 3.500 Stück!
Zuletzt sei noch erwähnt,
dass Schuster auch einige karibische Longfiller importiert und vertreibt, so die Marken
Vegas Dominicana, Cubita, Casa de Torres, La Fontana und Camacho, sie runden das Angebot
der hausgemachten Cigarren ab. Und für die Zukunft sind schon einige interessante Pläne
gemacht. Mehr über Schuster Cigarren, insbesondere einige schöne Texte von Philipp
Schuster, kann man auf der von Oliver Schuster unterhaltenen Homepage des Unternehmens
finden: www.schustercigars.de
Manchmal schlicht Behältnis,
manchmal Schmuckkästchen, oft bunte Pappschachteln oder praktische Blechbox - der
Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Einige reduziert auf die
Funktion, zum Schutz der Cigarre, andere moderne " Antiquität " wieder andere
pulsierender Zeitgeist - doch immer gilt: Häßlichkeit verkauft sich schlecht. Oft steht
zu lesen über Cigarren im Allgemeinen und im Besonderen, doch die Cigarrenkiste ist ein
Stiefkind der Schreiberzunft. Eine unbeachtete Nebensache, aber dennoch einige Zeilen der
Betrachtung wert:
Was ich mich schon immer
gefragt habe ist: wo bleiben eigentlich die vielen leergerauchten Kistchen und mit
zunehmender Lebenserfahrung sieht man die Antwort klar vor Augen. Wir sind ein Volk von
Schachtelsammlern! Kleine Schachteln für Stecknadeln mittlere für Schrauben, Nägel oder
Knöpfe; größere Schachteln als Wechselgeldkasse für den Wohltätigkeitsbasar. Kleine
Schachteln für kleine Sorgen und große Schachteln für große Sorgen.
Für jede haben wir etwas
hineinzugeben, geradezu Ordnungsprinzip und Bestandteil unserer kleinbürgerlichen Idylle.
Holzschachteln sind in der
Regel besonders schön und sie verkörpern die Tradition. Die Cigarre kommt wieder und mit
ihr die Holzkiste in jeder erdenklichen Art.
In unserer technisierten Welt
hat man nur eine diffuse Vorstellung und kaum einer hat sich je gefragt, wie wird diese
hergestellt? Spontan fällt mir die Sendung mit der Maus ein, sicher ein lohnendes Thema
dafür.
Man stellt sich vielleicht
eine Fabrik vor, in welche man vorn Bäume einbringt und die, durch menschenleere Hallen
wie von Geisterhand bewegt, am anderen Ende fertige Kistchen auswirft. Weit gefehlt. Gern
erinnere ich mich an unseren alten Kistenmachermeister, der mir in meinen Kindertagen
davon erzählte, wie sie bereits als Schulkinder in der Cigarrenstadt Bünde die Kistchen
mit Hammer und Nägeln zusammensetzten, er dann später das Handwerk erlernte und
schließlich im Alter von etwa 70 Jahren noch immer die Verantwortung trug. Und blickt man
heute, Jahrzehnte später, in eine Kistenfertigung, so mutet sie noch immer wie eine
Produktion aus vorindustrieller Zeit an, selbst in unserer modernen
Informationsgesellschaft. Aber vielleicht, in ferner Zukunft, lassen sich die Links und
Sites und E-Mails materialisieren.
Bis dahin aber gilt es
weiterhin das Holz zu schälen, die dicken Furniere zu sägen und die einzelnen Brettchen
zu fräsen, bedrucken, zusammenzusetzen und zu verleimen, zu schleifen, lackieren oder zu
bekleben. Charniere und Verschlüsse müssen angebracht werden und vielleicht nach das
nötige Lametta in Form von Etiketten, Siegelmarken oder Stickern.
Eine einfache Kiste besteht
aus vier Brettchen, die den Rumpf bilden, der entweder mit Klammern geheftet, mit kleinen
Nägeln genagelt oder mit ausgefrästen Holzzinken verleimt ist. Der Boden wird entweder
geheftet oder geleimt und schließlich der flache Deckel mit Charnieren angeschlagen,
hinzu kommt oft noch ein Klappverschluß.
Schatullen sind etwas
aufwendiger. Ein verzinkter Rumpf wird mit Boden und Deckel verleimt, danach geschliffen
und der noch geschlossene Kasten aufgesägt. Hernach werden die Charniere und zweiteiligen
Verschlüsse angebracht und schließlich aus vier weiteren Brettchen ein umlaufender Steg
eingeklebt, der verhindert, daß die seitlich liegenden Cigarren herausfallen oder
gequetscht werden. Mit älteren bis ganz alten maschinellen Hilfsmitteln geschieht all
dies in einzelnen Arbeitsschritten. Einige dieser Maschinen stammen noch aus der
Jugendzeit unseres alten Kistenmeisters.
So hält man schließlich mit
jeder Kiste ein Stück Individualität, Tradition und Geschichte in der Hand, ein Hoch auf
unsere Sammelleidenschaft.
Etwas Gutes zu machen ist
immer etwas mühevoll, doch die Holzkiste ist die beste Verpackung für die Cigarre. Sie
lebt, sie atmet, nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie ab; ist sie aus Cedernholz tut sie
noch etwas ganz besonderes: eigene ätherische Öle und Harze im Holz verleihen dem Tabak
zusätzliche Aromastoffe, die einzigartig sind. Nur in dieser Verpackung können Sie Ihre
hervorragenden Cigarren gut lagern und reifen lassen.
Manch einer mag darüber
lächeln aber ein einfacher Versuch zeigt erstaunliche Ergebnisse. Nimmt man einige
frische gerollte Cigarren und läßt sie lose an der Luft, in der Pappschachtel, einzeln
im Alu Tubo, in der normalen Holzkiste oder schließlich in der Cedernholzkiste
nachreifen, schmecken die gleichen Cigarren jeweils frappierend anders.
In der Tat gilt: je mehr
Cigarren kompakt beisammen in einer Kiste nachreifen, desto ausgewogener der Rauchgenuß.
Die Tatsachen sprechen klar gegen den Trend zu immer kleineren Packungen. Packungen mit
ein bis fünf Cigarren sind der Hit, aber wir sind ja lernfähig.
Ach, wo wir gerade dabei
sind, wissen Sie übrigens, wieviele Cigarren Sie bekommen, wenn Ihr Fachhändler Ihnen
ein /40 also ein Vierzigstel verkauft oder ein /100 Hundertstel ? Ganz einfach, bei
Cigarren rechnet man seit jeher mit 1000. Daher sind die Stückzahlen immer in Bruchteilen
von 1000 angegeben. Ein Vierzigstel sind also 25 und ein Zwanzigstel z. B. 50 Cigarren.
Nur wenige Hölzer sind für
Cigarrenkisten geeignet. Sie müssen entweder neutral im Geruch sein oder eben wie das
einzigartige Cedernholz. Die meisten europäischen Hölzer sind ungeeignet, da sie zu
starke Eigengerüche aufweisen und sich daher mit dem Tabak nicht vertragen. In
schlechteren Zeiten nahm man schon mal Buche oder Pappel, was beides noch vertretbar ist.
Da Tabak aber eine eher tropische Pflanze ist, sind letztendlich auch Hölzer von dort am
ehesten geeignet - aus kontrollierter Forstwirtschaft versteht sich.
Gabun und Cedern sind die
traditionellen Hölzer aber auch Lauan oder Mahagoni, um nur einige zu nennen.
Cigarrenkisten in den verschiedenen Formen kennt ein jeder, deshalb schauen Sie sich ruhig
einmal um, die Vielfalt ist fast unbeschreiblich.
Die sehr traditionellen und
schönen mit Bildern und Streifen beklebten Holzkistchen, Handarbeit bis heute, verdienen
aber als ein anderer Punkt unsere besondere Aufmerksamkeit. Es gibt wohl kaum eine Branche
in welcher ein so umfassendes und faszinierendes graphisches Werk über die Generationen
entstanden ist. In der Blüte der Cigarre gab es allein in Deutschland etwa
2.800 Cigarrenfabriken. Es gab Verlage, die nichts anderes machten, als
Cigarrenausstattungen also Deckelbilder und Etiketten anzufertigen und diese Weltweit zu
liefern. Diese Verlage hatten Niederlassungen in Übersee und schufen die Welt der Cigarre
mit. Drucktechniken mit Tiefdruck und Prägung bis hin zu echter Blattgoldauflage
erreichten eine Wertigkeit im Aussehen, die die heutigen Bilder nur noch erahnen lassen.
Jeder Hersteller hatte eigene Serien und Marken, die dafür erforderlichen Bilder waren
Legion. Immer ein Spiegelbild des jeweiligen Zeitgeistes mit Motiven aus der Kolonialzeit,
den Anbaugebieten oder den militärischen Abbildungen aus der Kaiserzeit. Bei
verschiedenen Ausstellungen hatte ich die höchst willkommene Gelegenheit alte Kataloge
von Firmen wie Hermann Schött, Rudolf Schardinel oder Gebr. Klingenberg zu bewundern, ein
Erlebnis und - leider Geschichte.
Das Tabakmuseum im
westfälischen Bünde, als Stadt von etwa Mitte des letzten Jahrhunderts bis heute das
Zentrum der deutschen Cigarrenindustrie, verfügt über etliche interessante Objekte, die
des geneigten Betrachters Herz höher schlagen lassen. Die Cigarre ist also nicht nur ein
außergewöhnliches Genußmittel, in all Ihren Erscheinungsformen verkörpert sie ebenso
ein gutes Stück Kulturgeschichte.
Dies findet gerade in der
kunstvollen Gestaltung der Verkaufsverpackung seinen besonderen Ausdruck. Betrachten wir
daher die Cigarrenkiste nicht als schnödes Beiwerk, was nur den Müllkontainer zu füllen
im Stande ist, sie ist auch Teil der Wertschätzung, die ein Hersteller selbst seiner
Cigarre angedeihen lassen will. Sie ist ebenso Teil der träumerischen Phantasie, die das
Öffnen der Schachtel und das vorsichtige Entnehmen der Cigarre zur heiligen Handlung
werden läßt.
Viele fleißige Hände fangen
die Sonne der Tropen für Sie ein und formen daraus etwas Neues und Einzigartiges, sorgsam
verpackt mit Hilfe ebenso vieler fleißiger Hände. All dies prägt die Individualität
und Persönlichkeit, die in jeder Cigarre steckt.
Ein kluger Mann hat einmal
gesagt: Rauchen ist ein Stück Illusion.
Veröffentlichungen - Statistisches Landesamt Baden-Württemberg Reinhard Güll
Monatsheft 2006-9 ...
In den Statistischen Mitteilungen über das Großherzogtum Baden ist im Jahrgang
1910 Folgendes zu lesen: »Nach den genannten Erhebungen belief sich auf den 1. Oktober
1909 im Großherzogtum Baden die Zahl der Betriebe der Tabakindustrie auf 938, die Zahl
der beschäftigten Arbeiter auf 40 088. Unterscheidet man diese Ziffern weiter nach
dem oberländischen und unterländischen Industriegebiet, so ergeben sich für das
Oberland 317 Betriebe mit 14 659 Arbeitern und für das Unterland 621 Betriebe mit
25 429 Arbeitern.« Dies zeigt wie personalintensiv und bedeutend die Tabakindustrie
im badischen Landesteil bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts war. Dieser Trend setzt
sich auch noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit und in den 50er-Jahren des letzten
Jahrhunderts fort. So schreibt Taras in einem Monatsheftbeitrag des Statistischen
Landesamtes Baden-Württemberg aus dem Jahr 1953: »Innerhalb des Landes
Baden-Württemberg entfielen demnach 1952 88,6 vH der arbeitenden Betriebe und 86,5 vH der
beschäftigten Betriebsarbeiter des Tabakgewerbes auf die beiden badischen
Regierungsbezirke. Entscheidend hierfür ist die Zigarrenfabrikation, da Baden der
bedeutendste Standort der Zigarrenherstellung des Bundesgebietes ist und in diesem Zweig
des Tabakgewerbes größtenteils Handarbeit geleistet wird. Rund 43,5 vH der 1951
im Bundesgebiet fabrizierten Zigarren stammen aus Baden. Im gesamten Bundesgebiet haben im
Laufe des zweiten Rechnungshalbjahres 1951 2 436 tabakgewerbliche Betriebe
gearbeitet; am 31. März 1952 beschäftigten 2 347 Betriebe 88 119 Angestellte
und Arbeiter, darunter 12 657 Heimarbeiter. Die Anteile Baden-Württembergs
betrugen an der Zahl der im Laufe des Berichtshalbjahres arbeitenden Betriebe 25,4 vH und
an der Gesamtzahl der Beschäftigten 35,9 vH.« Welch gewaltigen Niedergang durch
Umstrukturierungsprozesse der Tabakkonzerne einhergehend mit Verlagerungen von
Produktionsstätten in andere Bundesländer, Rationalisierung oder Verlagerung der
Produktion ins Ausland die Tabakverarbeitung in Baden-Württemberg erleiden musste, zeigt
die Zahl der Beschäftigten, die 2005 auf weit unter 1 000 gesunken ist. Auch die
Anzahl der Betriebe in der Tabakverarbeitung können derzeit an einer Hand abgezählt
werden. Genauere Daten unterliegen der Geheimhaltung.
...
Beachtlich insbesondere die sich daran anschließende Tabelle, in der 109
Arisierungen jüdischer Cigarrenfabriken aufgeführt sind. Schwerpunkte liegen in
Westfalen (Bünde) sowie Baden, die beiden Zentren der Cigarrenindustrie vor dem 2.
Weltkrieg. 36 Seiten mit s/w Abbildungen von Mitgliedern der Familie Günzburger, der
Cigarrenfabriken Burger und Günzburger sowie Bilder aus der nationalsozialistischen Zeit
in den Cigarrenzentren komplettieren das Werk, das jedem historisch interessierten
Tabakfreund als Faktensammlung empfohlen sei.
Thaler, Urs Unerledigte Geschäfte
Zur Geschichte der schweizerischen Zigarrenfabriken im Dritten Reich
Orell Füssli Verlag, Zürich
ISBN 3-280-02805-1
Im Königreich Hannover, 1866 nach kurzem Kampf in's Königreich Preussen
eingeliedert, bildete das Dorf Hemelingen im damaligen Kreis Achim die westliche Grenze
zur Freien und Hansestadt Bremen. Hemelingen hatte um 1890 weniger als 6.000 Einwohner,
zwei Bahnhöfe, ein Postamt "zweiter Klasse" mit Telegraph, 30 Cigarrenfabriken,
Silberwaren-, Kartonagen und Maschinenfabrikation, Ziegeleien, Spinnereien, Webereien,
eine Eisen- und eine Glockengießerei sowie - ganz wichtig - diverse Brauereien und eine
Likörfabrik.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in unserer Gegend Stumpen- und
Cigarrenfabriken. Auch heute noch ist sie als die schweizerische Tabakmetropole bekannt.
1888 begann die Firma Villiger in unserem Dorf mit der Produktion. Heute zählt sie zu
einem der bedeutensten Betriebe dieser Branche, obwohl sie unter den schweizerischen
Unternehmen dieser Art das jüngste ist. Ihre Erzeugnisse sind weltweit bekannt. Für
Pfeffikon stellt die Firma Villiger Söhne AG die einzige Industrie der Gemeinde dar.
Die Schweiz zählt zu den ältesten Tabakanbau-Regionen in Europa. Bereits Anfang des 17.
Jahrhunderts wurde Tabak im Baseler Raum als Heilpflanze angebaut, um 1660 finden sich
dort und später auch im Tessin bereits ausgedehnte Anbauflächen für Rauch- und
Schnupftabak. ... Zu den bekanntesten Tabakanbaugebieten der Schweiz zählt heute das Wynental, wo
1838 der Menziker Samuel Weber mit seinen Söhnen Tabak zu verarbeiten begann. Angespornt
durch seinen Erfolg entstanden in der Folge zahlreiche Herstellungsbetriebe in Reinach,
Beinwil am See und anderen umliegenden Dörfern, heute haben über 150 Tabakunternehmen in
dieser Region ihren Sitz. Bekanntestes Beispiel sind die 1888 von Jean Villiger
gegründeten Villiger Söhne AG Cigarrenfabriken mit Stammhaus in Pfeffikon an der
Nordgrenze von Luzern. ... Während die Tabakindustrie wuchs, stagnierte der inländische Tabakanbau
bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Zweite Weltkrieg führte jedoch zum Aufschwung: Als
einziges Land Europas unterstand der Tabak nicht der Rationierung. Schweizer Tabak war
plötzlich gefragt, die Anbauflächen verdoppelten sich zwischen 1939 und 1946 nahezu von
780 auf 1.450 Hektar. ... Heute wird Tabak auf etwa 650 Hektar in neun Kantonen angebaut und beschäftigt
1.200 Personen. Zu den Tabakkantonen gehören vor allem das Waadtland und Freiburg,
wesentlich weniger wird auch in Luzern, Zürich, Thurgau, Aargau, Schaffhausen, Bern und
Jura angebaut. 80% der Tabakanbaufläche befindet sich in der Westschweiz, die
durchschnittliche Anbaufläche pro Betrieb beträgt mit 1,6 Hektar etwa soviel wie in
Deutschland oder Frankreich.
Nach einigen einleitenden Seiten über den
Weg des Tabaks nach Europa, die Botanik der Pflanze und die Verbreitung des Rauchens am
Niederrhein, schildert sie akribisch und mit vielen Abbildungen versehen die ersten
Anfänge mit Tabakspfeifenbäckereien im 17. Jahrhundert sowie der im Anfang des 18.
Jahrhunderts zunehmenden Beschäftigung mit dem Tabak selber, der in dieser Gegend auch
angebaut wurde. Nach Verlagerung der Tonpfeifenherstellung in andere Gegenden wurde für
Goch ab 1850 mit seinen bis zu 29 Cigarrenfabriken dieser Gewerbezweig zu einer lukrativen
Einnahmequelle.
...
Höhepunkt der Cigarrenindustrie war für Goch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Nach einem weiteren Anstieg der Produktion durch den 1. Weltkrieg führte die Zunahme des
Zigarettenverbrauchs letztlich jedoch bis zum Beginn des 2. Weltkrieges zum Niedergang.
Im Jahre 1541 gelang es dem Spanier Demetrio Pela die Cigarrenherstellung von ein einem
Aztekenhäuptling zu erlernen. Pela gründete in Cuba die erste Cigarrenfabrik. Die erste
europäische Cigarrenfabrik wurde erst 1720 ebenfalls von einem Spanier gegründet. Sie
entstand in Sevilla unter dem Namen "La Corona". In dieser Fabrik wurde der
erste Deutsche - Heinrich Schlottmann aus Hamburg - im Cigarrenmacherhandwerk ausgebildet.
Schlottmann gründete dann im Jahre 1788 die erste deutsche Cigarrenproduktionsstätte.
Weitere Cigarrenfabriken entstanden in Bremen und im badischen
Raum. Die Cigarre tat sich in Deutschland zu Beginn aber schwer, erst nach den
Befreiungskriegen (1813 - 1815) und nach dem Abbau der Zollschranken wurde die Cigarre in
Deutschland immer bekannter und beliebter.
Die Cigarrenherstellung in Deutschland breitete sich sehr stark
aus. Besonders in ländlichen Gegenden - hier gab es genug weibliche Arbeitskräfte und
Möglichkeiten für Heimarbeit - war die Cigarrenherstellung bald stark verbreitet. Oft
lebten ganze Gemeinden von der Cigarrenherstellung.
Vor dem zweiten Weltkrieg war die deutsche
Cigarrenherstellung weltweit führend, heute belegt sie nach den USA den zweiten Platz.
Wie in Hamburg, so auch in Bremen entstanden etliche
Zigarrenfabriken in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, um der steigenden Nachfrage
nach dem neuen Tabakgenussmittel Zigarre" nachkommen zu können. Doch die
fortschreitende Industrialisierung in diesen beiden Hansestädten - gefolgt von steigenden
Löhnen - hat diese Standorte für die lohnintensive Zigarrenfabrikation unattraktiv
werden lassen. Hinzu kamen die Auswirkungen des Zollvereins, dem die beiden Hansestädte
nicht beigetreten waren. Die durch den Importzoll erheblich verteuerten Zigarren aus
Hamburg und Bremen fanden nicht mehr die entsprechende Nachfrage in den Mitgliedsländern
des Zollvereins. Wegen dieser Entwicklung suchten die Zigarrenhersteller nach neuen
Standorten. Sie bevorzugten solche in strukturarmen Regionen des Zollvereins.
Neben Ostwestfalen, dem Thüringer Wald und dem Eichsfeld sowie dem Badischen wurde die
für die Zigarrenindustrie geeignete Struktur in dem Großraum
Gießen-Marburg-Wetzlar" gefunden. Die dortigen Dörfer waren geprägt durch
vorwiegend kleinbäuerliche Betriebe und eine nicht vorhandene verkehrsmäßige Anbindung
an die in der Nähe gelegenen Städte. Industrie gab es auf dem Lande so gut wie nicht.
Die erste Zigarrenfabrik in dieser Region wurde um 1836 in Gießen gegründet, weitere
Betriebe entstanden in den umliegenden Dörfern. Ende des 19. Jahrhunderts wurden über
3.000 Personen in der Zigarrenindustrie im hiesigen Raum beschäftigt. Diese Zahl
verdoppelte sich auf knapp 6.000 im Jahr 1914. Der Höchststand wurde im Jahr 1936
erreicht; es sollen damals ca. 10.000 Menschen in der hiesigen Zigarrenindustrie
gearbeitet haben - eine Folge der stetig wachsenden Beliebtheit der Zigarre".
...
Der Strukturwandel für unsere hiesige Zigarrenindustrie hätte vermutlich schon in
den 30er
Jahren des 20. Jahrhunderts eingesetzt. Doch das in 1933 erlassene Maschinenverbots-Gesetz
verhinderte die Einführung des technischen Fortschritts in den Filialbetrieben.
Die damalige hohe Arbeitslosigkeit infolge der Weltwirtschaftskrise war die Ursache für
dieses Verbot. Aber noch mehr haben die Auswirkungen im und nach dem zweiten Weltkrieg den
Zigarrenbetrieben einen strukturellen Stillstand aufgebürdet. Zigarrenfabriken wurden
umfunktioniert zu Rüstungsgüter-Betrieben. Die Belegschaften wurden in andere Industrien
dienstverpflichtet und einige Zigarrenfabriken wurden durch Bombenangriffe zerstört.
Nachdem der wirtschaftliche Alltag auch in die Zigarrenbetriebe wieder einkehren konnte
und diese mit den notwendigen Rohtabaken versorgt wurden, konnten diese
Produktionsstätten wieder voll produzieren - so wie sie es vor Beginn des Krieges taten.
Erst in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre setzte ein Prozess ein, der für unsere hiesige
Zigarrenindustrie zu einem dramatischen Strukturwandel führte. Die Manufaktur wurde
abgelöst von der industriellen Fertigung mit vielen einschneidenden Konsequenzen auf den
Standort und die Beschäftigten.
Für diese neue Entwicklung spielte zufälligerweise das Jahr 1958 eine besondere Rolle.
Zeitgleich - von der Ursächlichkeit unabhängig voneinander - wurde das
Maschinenverbots-Gesetz aufgehoben, und die Zigarrenindustrie erlebte in den alten
Bundesländern ihre höchste Absatzzahl nach dem Krieg aufgrund des hohen Nachholbedarfes
in dieser Nachkriegszeit.
Doch von nun an verlief die Absatzkurve stetig nach unten. Die Zigarre" wurde
unmodern, sie verlor stetig an Popularität. Die mengenmäßige Rückläufigkeit betrug
bis zum Jahr 1989 - in dem Jahr, in dem in den USA die ersten Anzeichen für die
Renaissance des Zigarrenkonsums zu erkennen waren - über 70 %.
Zusätzlich zu dieser auch für die hiesigen Zigarrenbetriebe sehr negativen Entwicklung
verlagerte sich die Rauchgewohnheit von der großen Zigarre zum kleinen Zigarillo, eine
Änderung der Verhaltensweise, die negative Auswirkungen auf die
Beschäftigungsintensität haben musste.
Aber nicht nur die Folgen dieser Entwicklung auf dem Markt bereiteten den
Zigarrenbetrieben große Probleme. Auch die unzureichende Möglichkeit, die Verkaufspreise
den Kostenerhöhungen anzupassen - verursacht durch die Absatzrückgänge -, zwangen die
Hersteller, unter hohem Kapitalaufwand Rationalisierungsmaßnahmen zu ergreifen, soweit
sie sich weiterhin in der Zigarrenindustrie behaupten wollten.
So mussten - aufgrund ihrer Einzelanfertigung - teure Produktionsmaschinen angeschafft
werden. Die bisher für die Handarbeit geeigneten Räumlichkeiten waren für die
industrielle Fertigung durch erhebliche bauliche Veränderungen umzugestalten.
Der hohe Kapitalbedarf für die notwendigen Maschinen- und Gebäudeinvestitionen konnte
vielerorts nicht aufgebracht werden. Die Schließung von Betrieben war die Folge. Während
Ende der 50er-Jahre noch ca. 12 eigenständige Unternehmen vorhanden waren, gab es 1970
nur noch drei Hersteller in unserer Region.
Erklärung:
Ich sammle vorrangig Informationen zu Betrieben aus Deutschland und dem restlichen
Europa. Ich bin auch an Informationen zu Betrieben aus aller Welt interessiert. Dabei
möchte ich etwas erfahren über die Geschichte, den Werdegang und wirtschaftliche Daten.
Inbesondere möchte ich darstellen welche Betriebe den wirtschaflichen
Konzentrationsprozess überlebten bzw. welche Betriebe durch die Konzentration
übernommen wurden. Diese Angaben sammle ich dann auf der Seite "Steckbriefe" und werden entsprechend dem Erkenntnisstand
aktualisiert. Die Daten der Betriebe werden hier geografisch sortiert von Nord nach Süd
und von West nach Ost.
Ich bin kein Sammler von Dosen, Schachteln und sonstigen Gegenständen
(Sammelobjekten), die die Existenz von ehemaligen Betrieben belegen. Doch die
Informationen, die Sammler von diesen Gegenständen haben wie die Firmendaten, Logos,
Schriftzüge, Embleme, Banderolennummern (die Herstellernummer auf den Steuerzeichen),
Orts- und Zeitangaben sind für mich interessant.
Stand 18.09.2009
Hilfreiche Informationen zu Betrieben sendet bitte an: Mein kleiner Rauchsalon oder
an das Forum